Erfassung von Umweltdaten
Motivation
Der Stuttgarter Adler wird zur Fernerkundung von
Umweltdaten, welche z. B. für die Landwirtschaft von Bedeutung sind,
eingesetzt. Umweltdaten flächenhaft, detailliert, kostengünstig und in
kurzen Zeiträumen zu erfassen stellt eine Herausforderung dar, die von
bisher üblichen Plattformen wie bemannten Flugzeugen und Satelliten nur
unzureichend erfüllt wird. Satellitendaten sind zeitlich an den
entsprechenden Orbit gebunden und dadurch sehr von Wetterbedingungen
beeinträchtigt. Zeitlich hoch aufgelöste Beobachtungen sind zwar mit
geostationären Satelliten möglich, erreichen aber nur eine geringe
räumliche Auflösung. Bemannte Befliegungen dagegen sind zwar zeitlich
flexibler und ermöglichen eine räumlich gut aufgelöste Beobachtung,
allerdings sind sie auch sehr teuer und daher nur für größere Gebiete
und Projekte geeignet. Ein weiterer Vorteil des Modellflugzeuges ist
die flächenhafte Erfassung von Umweltdaten aus nur 300m Flughöhe,
wodurch exaktere Daten gewonnen werden können, da der Einfluss der
Atmosphäre geringer ist als bei bemannter Befliegung oder gar
Satellitendaten.
Daher wird am Institut für Raumfahrtsysteme derzeit der Einsatz
einer neuartigen Plattform für Fernerkundung untersucht und erprobt. In
den letzten Jahren ist hier in Zusammenarbeit mit dem Institut für
Flugzeugbau ein Modellflugzeug entwickelt und anschließend mit
Instrumenten ausgestattet worden, welche sich für wissenschaftliche
Fernerkundung eignen.
Anwendungen
Durch die Erfassung von Strahlungsdaten im grünen, roten und nahen
Infraroten Spektralbereich können sowohl Boden- wie auch
Vegetationseigenschaften abgeleitet und untersucht werden. Aus dem
spektralen Verlauf der Reflektanz von Pflanzen können beispielsweise
Rückschlüsse auf deren Wachstumsstadium und Photosyntheseaktivität
gezogen werden. Signifikante Veränderungen der Reflektion ermöglichen
die Unterscheidung verschiedener Stressfaktoren wie Nährstoffmangel und
Krankheitsbefall.
Die Thermalkamera bietet die Möglichkeit, scheinbare
Oberflächentemperaturen zu messen. Vielfältige Anwendungsgebiete wie
Überwachung von Deponien und ähnlichem sind damit möglich. Zusammen mit
den Instrumenten im sichtbaren und nahinfraroten Bereich können zum
Beispiel Oberflächenfeuchtigkeit oder der Zustand von Pflanzen bestimmt
werden.
Zurzeit werden Felder von 10 bis 20 ha überflogen. Diese Größe
eignet sich für detaillierte Untersuchung wie sie im Rahmen von
Forschungsarbeiten zum „Precision Farming“ durchgeführt werden. Ein
Flug dauert ca. 20 Minuten, das Auslesen der Daten noch einmal etwa so
lange. Werden Start, Landung und Instrumentenwechsel berücksichtigt,
kann pro Stunde etwa ein Flug durchgeführt werden. Die Plattform ist in
einem PKW oder im Kofferanhänger leicht zu transportieren. Nach Ankunft
am Messort ist das Flugzeug innerhalb einer halben Stunde abflugbereit.
Für die genaue Bestimmung der geografischen Position der Aufnahmen
werden vor Messflügen im Gebiet Passpunkte ausgelegt, die in den
Bildern gut sichtbar sind. Die Koordinaten der Passpunkte werden mit
einem GPS-Handmessgerät bestimmt, welches das am Ihinger Hof
eingerichtete differenzielle GPS-System verwendet. Dies ermöglicht
Positionsmessungen mit einer Genauigkeit von wenigen Zentimetern, was
besonders vorteilhaft ist, wenn die Bilddaten später mit Bodenproben in
Verbindung gebracht werden sollen.
Beispiel Vegetation
In Abbildung 1 ist der Ausschnitt eines farbigen Bildes dargestellt,
in dem der blaue Kanal die grüne Aufnahme darstellt, der grüne Kanal
die rote Aufnahme und der rote Kanal die Aufnahme im nahen Infrarot
(NIR). Solche Falschfarbendarstellungen werden häufig für die
Untersuchung von Vegetation verwendet, da hier aktive Vegetation
auffällig hervor tritt: Aufgrund des Chlorophylls reflektieren gesunde
Pflanzen im nahen Infrarot sehr viel stärker als im sichtbaren
Wellenlängenbereich. Im Falschfarbenbild zeigt die rote Farbe also
besonders aktive Vegetation wie Maispflanzen (im Bild links unten) und
Büsche (rechts oben). Der dazwischen liegende Bereich ist mit Weizen
bewachsen, der bereits ausgereift ist (die Ernte fand wenige Tage nach
der Aufnahme statt) und daher keine Photosynthese mehr betreibt. Das
rechte Bild zeigt den normalisierten Differenzen-Vegetationsindex, der
aus dem roten und NIR Kanal des linken Bildes nach folgender Formel
berechnet wurde:

Abb. 1: Ausschnitt aus einem 3-Kanal-Bild grün-rot-NIR und dem daraus berechneten NDVI.
Untersuchung von Bodeneigenschaften
Im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Bodenkunde und Standortslehre der Universität Hohenheim wurden mehrere Befliegungen von Feldern der Versuchsstation für Pflanzenbau und Pflanzenschutz am Ihinger Hof,
Renningen, durchgeführt. Dabei sind die Bodeneigenschaften anhand von
Bodenproben, die durch Mitarbeiter der Universität Hohenheim genommen
und analysiert werden, zeitnah zu den Flügen kartiert worden. Anhand
dieses Beispiels wird eine erste praktische Anwendung des Stuttgarter Adlers zur Fernerkundung der Umwelt demonstriert.