Highlight Nr. 38 – Januar 2010
Die Wüste durchkämmt -
IRS Mitarbeiter nimmt an Meteoritensuche in der nubischen Wüste teil
Kein Baum weit und breit, der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint, es gibt weder fließendes Wasser, noch Handyempfang, Strom nur für drei Stunden am Tag – wenn das Dieselaggregat denn anspringt. Almahata Sitta (arab. für "Station 6") ist eine extrem unwirtliche Gegend im Norden des Sudan mitten in der nubischen Wüste. In einem Umkreis von 100 Kilometern gibt es nichts, was ein Europäer Zivilisation nennen würde. In dieser abgelegenen Gegend explodierte am 6. Oktober 2008 in etwa 35km Höhe ein Meteorit1) - der inzwischen den Namen "Almahata Sitta" trägt - beim Eintritt in die Erdatmosphäre und seine Bruchstücke verteilten sich über der Wüste. Gemeinsam mit 50 Forschern und Studenten der Universität Khartoum, der sudanesischen Hauptstadt, sowie 16 weiteren ausländische Gastwissenschaftler hat Dr. Stefan Löhle vom IRS im Dezember 2009 an einer groß angelegten Suchaktion nach diesen Bruchstücken teilgenommen. Mit Hilfe des gefundenen Materials kann das Team detaillierte Rückschlüsse auf dessen Herkunft im Asteroidengürtel zwischen den Bahnen von Jupiter und Mars und über das Verhalten eines Meteorits beim Eintritt in die Erdatmosphäre ziehen. Am IRS wollen Löhle und seine Kollegen einen Beitrag zum Verständnis des Verhaltens des Meteorits beim Eintritt in die Erdatmosphäre leisten.
Vorhersage korrekt
Der etwa 80 Tonnen schwere Asteroid1) 2008 TC3, der später als Meteorit die Erde traf, ist der erste, der mit Teleskopen zuvor im All beobachtet wurde bevor er dann mit der Erde kollidierte. Ein Computerprogramm der NASA hatte den Einschlag des Meteorits aus den Bahndaten der Beobachtung des Asteroids mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% errechnet – und zwar bereits 11 Stunden später.
Das Einschlagsgebiet wurde schnell lokalisiert: Das Landegebiet lag im Norden des Sudan, ca. 100km südöstlich von Wadi Halfa, der Grenzstadt zu Ägypten. Bereits im Dezember 2008 gab es eine erste Suchaktion, geleitet von Dr. Muawia Shaddad von der Universität Khartum sowie von Dr. Peter Jenniskens von NASA / SETI Insitute). Bei dieser ersten sowie zwei weiteren Suchaktionen im Frühjahr 2009 haben die Forscher und ihre Teams über 400 Meteoritenbruchstücke gefunden und der Flug des Meteorits am Himmel konnte aus deren Fundorten nachvollzogen werden.
Vorgänge beim Eintritt noch unklar
Die erneute Suche jetzt im Dezember 2009 wurde erneut von Dr. Peter Jenniskens und Dr. Muawia Shaddad geleitet und hatte zwei große Ziele: Einerseits war die Frage offen, ob das Meteoritengestein durch die Witterung altert – eine sehr interessante Frage vor allem im Hinblick auf andere auf der Erde gefundene Meteoritenbruchstücke, deren Einschlagsdatum nicht bekannt ist. Außerdem wollten Shaddad und Jenniskens weitere Wüstengebiete zu durchsuchen, da die meisten bisher gefundenen Bruchstücke zwar – wie vorher berechnet - in Ost-West-Richtung niedergegangen sind, allerdings etwas weiter südlich als erwartet.
Eine weitere offene Fragestellung betrifft den Eintritt in die Erdatmosphäre, dessen Vorgänge noch nicht vollständig verstanden sind, insbesondere das Szenario beim Zerbrechen des Meteors. Daher fragte Dr. Peter Jenniskens bei Stefan Löhle an, ob es am IRS die Möglichkeit gäbe, thermophysikalische Eigenschaften wie etwa den Emissionsgrad eines Bruchstücks zu ermitteln. Zusammen mit dem DLR-Institut für Bauweisen- und Konstruktionsforschung in Stuttgart erarbeite Löhle eine entsprechende Methode, die es obendrein ermöglicht die Temperaturleitfähigkeit mit den Anlagen des DLR zu bestimmen – beides mit nur einem Meteoritenfundstück, das dabei nicht zerstört wird. Die darauf von Jenniskens angebotene Möglichkeit sich selbst an der Suchaktion zu beteiligen, ließ Stefan Löhle sich natürlich nicht entgehen.
Erfolgreiche Suche
Angekommen im Sudan fand zunächst ein zweitägiger Workshop an der Universität Khartum statt, bei dem die bisherigen Ergebnisse der vorherigen Exkursionen diskutiert wurden. Anschließend hat Stefan Löhle die experimentellen Einrichtungen des IRS vorgestellt und erläutert wie er mit ihnen den Emissionsgrads des Meteoritenmaterials bestimmen möchte.
Dann wurden drei Wüstenbusse und vier Jeeps mit allem Überlebensnotwendigen bepackt und nach einer 12-stündigen Autofahrt - die letzten vier Stunden hiervon wurden ohne Weg quer durch die Wüste zurück gelegt -, wurde die "Station 6", eine Bahnstation aus englischer Kolonialzeit erreicht. Von hier hat das Team drei Tage lang Ausflüge unternommen, um im wahrsten Sinne des Wortes, "die Wüste zu durchkämmen". Die knapp 70 Teilnehmer stellten sich hierzu in einer Reihe auf und liefen dann auf Kommando einem GPS-gestützten Kurs folgend durch den Wüstensand – immer auf der Suche nach besonders schwarzen Steinen. Der internationale Suchtrupp war sehr erfolgreich: Insgesamt über 200 Bruchstücke wurden gefunden, vier davon von Stefan Löhle.
Die Abende in der Wüste vergingen sehr kurzweilig mit den sudanesischen Studenten, die sich auch ums leibliche Wohl der Reisetruppe kümmerte und hierfür extra 2 Schafe (lebend!) dabei hatten. Die zubereiteten Speisen, wobei das Schaf zu einer Art Gulasch gekocht wurde, wurden mit der Hand und Fladenbrot (Gurasa) aus großen Schüsseln gegessen. Anschließend gab’s Gesang, Arabischlektionen und viele Diskussionen, um das Leben der jeweils anderen zu verstehen – mit häufig großem Gelächter.
Mittlerweile ist Stefan Löhle wieder zurück in der europäischen Zivilisation, im Besitz eines kleinen Bruchstücks von "Almahata Sitta" und hat großartige Eindrücke von der Wüste, dem Klima und vor allem den freundlichen, lachenden Menschen im Sudan mitgebracht. Er hofft, dass der Kontakt zu den sudanesischen Mitstreitern aufrechterhalten werden kann, aber zunächst geht es jetzt daran, das gefundene Meteoritenstückchen am IRS zu charakterisieren.
1) Ein Asteroid ist ein Himmelskörper der die Sonne umkreist, aber deutlich kleiner ist als ein Planet. Tritt ein Asteroid in die Erdatmosphäre ein, so nennt man die Leuchtungserschienung am Himmel Meteor. Meteorite nennt man die zur Erdoberfläche gelangten Reste von Asteroiden oder Meteoriden. Ein Meteorid ist deutlich kleiner als ein Asteroid.
Außer der Anreise selbst wurde der Aufenthalt von Stefan Löhle durch das Physics Departement der Universität Khartoum finanziert. Stefan Löhle bedankt sich bei Dr. Peter Jenniskens und Dr.Muawia Shaddad für die Möglichkeit an der Suchaktion teilnehmen zu dürfen, sowie bei allen sudanesischen Forschern und Studenten für die herzliche Aufnahme und das große Engagement und die außergewöhnliche Gastfreundschaft.
Weitere Informationen:
http://asima.seti.org/2008TC3/workshop2008TC3.html
Bilder: (© Peter Scheirich)
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| Universität von Khartoum, Sudan |
Mittagessen und Briefing von Peter Jenniskens in Almahata Sitta |
Aufstellen zum Wüste durchkämmen |
Wer sucht, der findet... |
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| Zum Teil sucht man schwarze Steine auf schwarzem Stein... |
Gruppenfoto der Wüstenbande (von Casper te Kuile) |