Am IRS werden seit langer Zeit elektrische Raumfahrtantriebe
experimentell
und später auch numerisch untersucht. In der Raumfahrt wurde
schon früh erkannt, dass bei chemischen Raketenantrieben das
Antriebsvermögen limitiert ist. Der Grund hierfür liegt im zu
geringen Energiegehalt der Treibstoffe, wodurch die maximal erreichbare
Austrittsgeschwindigkeit aus einer Raketendüse auf ca. 4 bis 5
km/s begrenzt ist.
Eine Möglichkeit, diese Beschränkung
zu überwinden, ist die Einkopplung zusätzlicher
Energie, z.B. in Form von elektrischer Energie. Dies wurde
schon 1906 von Goddard und später von Hermann Oberth
in seinem Buch "Die Rakete zu den Planetenräumen"
ausgeführt. Da erst nach dem zweiten Weltkrieg die Entwicklung
von Großraketen die Möglichkeiten der Weltraumfahrt
konkret werden ließ, waren es hauptsächlich die
Arbeiten von Ernst Stuhlinger, die erneut auf die Vorzüge
elektrischer Raumfahrtantriebe aufmerksam machten und die
seit den 60iger Jahren weltweit zu umfangreichen Forschungs-
und Entwicklungsprogrammen führten.
Ganz unterschiedliche Konzepte wurden untersucht,
die sich vor allem im Beschleunigungsmechanismus unterscheiden,
da mit elektrischer Energie rein thermisch, elektrostatisch
oder elektromagnetisch beschleunigt werden kann. Zur Ausnutzung
elektrostatischer oder elektromagnetischer Beschleunigungskräfte
müssen durch Ionisation des Treibstoffes erst Ladungsträger
erzeugt werden, wofür es wiederum verschiedene Ansätze
gibt.
Bei den meisten elektrischen Raumfahrtantrieben
kann die Austrittsgeschwindigkeit durch Regelung der zugeführten
Leistung und des Treibstoffes sowie der Wahl des Treibstoffes
in einem weiten Bereich variiert werden. Die Triebwerksklassen
unterscheiden sich jedoch grundsätzlich in der maximal
erreichbaren Austrittsgeschwindigkeiten, der Schubdichte,
dem Schub--Leistungsverhältnis sowie in den Treibstoffauswahlkriterien.
In den Versuchsanlagen des IRS
können diese elektrischen Treibwerke experimentell
untersucht werden. Zusätzlich zu den Experimenten liefert die
numerische Simulation detaillierte Daten der Strömung in den Triebwerken, auch an
Positionen, die durch Messverfahren nicht zugänglich sind, wie
etwa im Inneren der Triebwerke. Gleichzeitig liefern die Experimente
wichtige Daten für die Validierung der physikalischen Modelle und
der numerischen Verfahren.
Modellbildung
Die Strömung des Treibstoffs durch die Triebwerke wird
üblicherweise mit einem Navier-Stokes
Verfahren berechnet.
Diesem Verfahren liegt die Annahme eines Kontinuums zugrunde
und basiert auf den Prinzipien der Erhaltung der Masse, des Impulses und der
Energie für ein diskretes
Volumenelement. (Für Triebwerke und Anwendungen mit extrem
niedrigen Drücken oder sehr starkem Nichtgleichgewichtszustand,
für die die Annahme eines Kontinuums nicht zulässig ist, wird
am IRS in Kooperation mit anderen Instituten ein Simulationscode für verdünnte
Gase entwickelt)
In TLT's (Thermische Lichtbogentriebwerke), MPD's (Magnetoplasmadynamische Triebwerke) und AFMPD's (Applied Field Magnetoplasmadynamic Thruster)
wird der gasförmige Treibstoff durch einen Lichtbogen stark
aufgeheizt. Dabei werden die Moleküle dissoziiert und das Gas
teilweise ionisiert, man spricht dann von einem Plasma. Die elektrische
Energie wird fast aussschließlich von den leicht beweglichen
Elektronen aufgenommen, die sie dann durch Stöße an die
Schwerteilchen (Atome, Moleküle) abgeben. Da der Druck in diesen
Triebwerken üblicherweise sehr gering ist, finden zu wenig
Stöße statt, um die Energie der Elektronen mit der der
Schwerteilchen ins Gleichgewicht zu bringen, das Plasma befindet sich
im thermischen Nichtgleichgewicht. Daher müssen die unterschiedlichen Energien in einem Mehrtemperaturmodell
berücksichtigt werden. Üblicherweise unterscheidet ein
solches Mehrtemperaturmodell zwischen der Elektronentemperatur, der
Translationstemperatur der Schwerteilchen und der Vibrationstemperatur der
einzelnen Moleküle.
Die Geschwindigkeiten des Plasmas solcher Triebwerke liegen im
Bereich von einigen km/s bis zu 40 km/s. Das bedeutet, dass sich das
Plasma nur eine sehr kurze Zeit im Triebwerk befindet. Diese Zeiten
liegen im Bereich von oder unterhalb der sogenannten Relaxationszeiten.
Diese Relaxationszeiten benötigt das Gas, um von einer
gestörten chemischen Zusammensetzung durch Stöße der
Teilchen ins chemische Gleichgewicht zu gelangen. In den
elektrischen Raumfahrtantrieben liegt das Plasma also im chemischen Nichtgleichgewicht
vor. Um dieses Nichtgleichgewicht bei der numerischen Simulation
berücksichtigen zu können, muss für das verwendete Gas
ein chemisches Reaktionsmodell
aufgestellt und implementiert werden. Dabei werden die Produktionsraten
der einzelnen Spezies berechnet, um die genaue Zusammensetzung des
Plasmas zu erhalten.
Numerische Simulationscodes für die Simulation elektrischer Raumfahrtantriebe.
Am IRS werden zur Zeit zwei Simulationscodes für die Berechnung
von TLT's, MPD's und AFMPD's ständig weiterentwickelt:
Diese Codes
eignen sich auch dazu, die Strömung in den Plasmawindkanälen des IRS zu
untersuchen.